Ein Streifzug durch die Dorfgeschichte auf der Suche nach einem historischen Standort von Gröbitz
Fast jedes Dorf hat seine Geschichte. Nicht wenige haben auch ihre Geheimnisse - so auch Gröbitz. Eines davon befasst sich mit der Frage, wo Gröbitz in der Zeit vor 1650 einst lag. Der Klärung dieser Frage hatte sich Martin Ziegler, Ortschronist und Herausgeber der Sonnewalder Heimatblätter, in einer mehrjährigen akribischen Arbeit gewidmet. Am Samstag den 28. Februar 2026 präsentierte er nun der Dorfgemeinschaft und vielen Besuchern die Ergebnisse seiner Forschungen.
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| Foto 1: Martin Ziegler bei seinem Vortrag über die Ergebnisse seiner Forschungen. |
In der ehemaligen Dorfschule Gröbitz, dem heutigen, hübsch hergerichteten Gemeindesaal, hatte Ortsvorsteher Eckhard Nadebohr alles gut vorbereiten lassen.
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| Foto 2: Der Gemeindesaal Gröbitz mit seinem hübschem Wandbild. |
An einer der Seitenwände lagen Kopien mehrerer historischer Karten zur Anschauung bereit.
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| Foto 3: Norbert Zach, Ortschronist von Kleinkrausnik, beim fachmännischen Blick auf die ausgelegten historischen Karten. |
Da die Resonanz auf die Einladung deutlich größer ausfiel als erwartet, war vor dem Beginn noch etwas Räumen erforderlich.
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| Foto 4: Nachträgliches Herbeischaffen von Tischen und Stühlen. |
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| Foto 5: Dieter Babbe, ehemaliger LR-Redakteur und Mitglied des Redaktionsteams der „Sonnewalder Heimatblätter“, unter den Gästen. |
Neben dem heutigen Standort soll sich Gröbitz verschiedenen Überlieferungen zufolge in historischen Zeiten an zwei weiteren Standorten befunden haben. Einer davon ist in Chroniken sowie auf historischen Karten und in Dokumenten gut belegt. Doch wo war der zweite? Und gab es ihn überhaupt?
Immer wieder tauchten dazu verschiedene Theorien auf. Manche, von Finsterwalder Heimatforschern befeuert, aber nicht plausibel belegt, geisterten durch die Bevölkerung. Andere Überlegungen schlossen einen zweiten historischen Standort schlicht aus. Konkrete archäologische Befunde für die jeweilige Theorie fehlten bislang. An diesem Abend sollte der Frage nun auf den Grund gegangen werden.
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| Foto 6: Voller Gemeindesaal, bis zum letzten Sitzplatz. |
Vor 60 Teilnehmern eines breiten Altersspektrums begann Martin Ziegler eine Reise durch die Dorfgeschichte. Anhand eines gut strukturierten Ablaufplans führte er durch einen sehr interessanten Abend.
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| Foto 7: Ablaufplan des Vortrages von Martin Ziegler. |
Als Einführung nutzte er den Beitrag des RBB-„Landschleichers“ vom Juni 1996. Darin ließ er den langjährigen Ortschronisten von Gröbitz, Harry Ruben, einen Abriss der Dorfgeschichte erzählen.
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| Foto 8: Beitrag des „Landschleichers“ über Gröbitz mit Harry Ruben vom 16. Juni 1996. |
Wie der österreichische Philosoph und Schriftsteller Rudolf Steiner (1861–1925) in seiner Schrift „Wahrheit und Wissenschaft“ betonte, muss man Dinge von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten, um sich der Wahrheit zu nähern. Damit war Martin Ziegler in seinem Element.
Nur mit einem kleinen Zettel in der Hand beleuchtete er in den folgenden eineinhalb Stunden alle Aspekte seiner Forschungen – angefangen bei der Deutung der slawischen und deutschen Ortsnamen über die archäologischen Fundsituationen bis hin zu Rückschlüssen auf die historische Dorfform von Gröbitz.
Mit einer Übersicht verschiedener archäologischer Fundstellen in der Umgebung von Gröbitz warf Martin Ziegler einen tieferen Blick bis in prähistorische Zeiten. Nach dieser Befundlage war die Umgebung von Gröbitz für Lagerplätze und Besiedlung schon seit der mittleren Steinzeit eine beliebte Gegend.
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| Foto 9: Gespanntes Publikum. |
Anschließend ging Martin Ziegler der Frage nach, welche Siedlungsverdachtsgebiete es um Gröbitz gibt und woher die These für einen weiteren Standort stammt.
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| Foto 10: Belegte und vermutete Siedlungsstandorte für Gröbitz. Verdachtsgebiet „A“ zeigte der vermuteten historischen Standort vor 1650. |
Diese These stammt aus einer alten Schulchronik aus dem Jahr 1896. Darin weist der Lehrer Macht auf den Flurnamen „Altdorf“ hin, der sich am Ort des heutigen Spielplatzes am Kirchhainer Weg befunden haben soll. Nachfolgende Heimatforscher schlossen daraus, dass sich an dieser Stelle einst ein historisches Gröbitz befunden haben könnte. Martins Recherchen zeigten, dass der Flurname auf den Volksmund zurückzuführen ist. In der Liste der Flurnamen aus dem Jahr 1954 ist er jedoch nicht mehr enthalten.
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| Foto 11: Dorf-Form von Gröbitz im 17. Jahrhundert. |
Er wertete die Flurnamen aus und analysierte die Bezüge zur natürlichen Umgebung, wie beispielsweise die Nähe zum Tanneberger Sumpfgebiet oder der historischen Salzstraße.
Mit harten Fakten ging es dann durch die Geschichte. In der ersten urkundlichen Erwähnung wurde Gröbitz 1418 von einem Herrn von Knobelsdorf gekauft. (Mehr zu der Familie von Knobelsdorf hier: Geschichte Familie Knobelsdorf) Von einer Neugründung wurde weder in der Urkunde noch sonst irgendwo gesprochen. Es musste also bereits vorher bestanden haben. Naheliegend ist, dass Gröbitz mit den übrigen deutschen Gründungen zwischen 1160 und 1265 entstand. Die beiden Varianten der niedersorbischen Ortsnamen „Grobice“ und „Grobicz“ sind zwar slawischen Ursprungs. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass es eine slawische Vorgängersiedlung gegeben haben muss.
Natürlich spielten die Denk- und Verhaltensweisen der Menschen in der damaligen Zeit eine wichtige Rolle. Um das Leben der Menschen im ausgehenden Mittelalter zu veranschaulichen, gab er Einblicke in die Lebens- und Besitzverhältnisse in den Dörfern der Niederlausitz sowie in die Rolle von Kirche und Adel. Anhand von KI-generierten Bildern und einem Modellnachbau des historischen Gröbitz vor 1854 ermöglichte er lebendige Einblicke in das Leben der Menschen jener Zeit. Und das war nicht einfach.
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| Foto 12: Präsentation zu den Lebensverhältnissen im ausgehenden Mittelalter. |
Im weiteren Verlauf des Abends wurde Gröbitz wiederholt von Seuchen, Kriegen und Bränden heimgesucht. Mehrfach verlor das Dorf einen erheblichen Teil seiner Bewohner. So starben 1584 49 von etwa 115 bis 125 Einwohnern an der Pest. Schlimme Jahre waren auch 1626, 1637, 1642 und 1644 – also die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Für diese Jahre ließen sich keine Aufzeichnungen finden. Doch all diese Ereignisse führten nicht zum Erlöschen des Ortes, wie Martin anhand von Berichten und Auswertungen von Kirchenbüchern belegen konnte. Selbst als der Ort 1854 fast komplett abbrannte, fiel Gröbitz nie wüst. Trotz erheblicher Bevölkerungsverluste bestand es weiter.
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| Foto 13: Brand des Dorfes Gröbitz 1854. |
Die Auswertung des digitalen Geländemodells für Gröbitz ergab für den alten Ortskern vor dem letzten Brand 1854 eine erhebliche Bodenunruhe, wie sie für ehemalige Siedlungsgebiete typisch ist. Hinweise, die im Verdachtsgebiet „A“ jedoch komplett fehlten.
Es wurde auch eine Reise durch Quellen und die Archive Ostdeutschlands, eine Reise die ihn bis nach Prag führte. Letzteres hat seinen Grund. Gehörte die Niederlausitz doch lange Zeit zum Königreich Böhmen. Folglich lagerten auch dort Unterlagen über das Dorf. Und die Tschechen waren dabei sehr hilfsbereit.
Weiter ging es mit einer Sichtung historischer Kartenwerke, insbesondere aus der Zeit vor 1650. Wichtigstes Dokument dabei war das Kartenwerk der ersten sächsischen Landesvermessung zwischen 1589 und 1607. Zu dieser Zeit gehörte die Niederlausitz bereits zum Kurfürstentum Sachsen. Kurfürst Christian I. wünschte ein ordentliches Kartenwerk seines Staates. Auf insgesamt 17 colorierten Blättern entstand das Oeder-Zimmermannsche Kartenwerk.
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| Foto 14: Auszug aus der ersten sächsischen Landesvermessung, der Oeder-Zimmermannsche Karte für das Amt Finsterwalde. |
Im sächsischen Staatsarchiv in Dresden stieß Martin Ziegler auf einen bemerkenswerten Fund: eine Handskizze des Amtes Finsterwalde, vermutlich erstellt in der Zeit zwischen 1593 und 1598. Sie diente als Grundlage für die Oeder-Zimmermannsche Karte.
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| Foto 15: Handskizze des Amtes Finsterwalde, vermutlich aus der Zeit um 1594. |
Auch krumme Wege führen zum Ziel. Das gilt auch für Recherchen. So beschwerte sich 1598 der Graf zu Solms über die Vermessungsarbeiten im Amt Finsterwalde und auf seinem Territorium. Auch wenn der Graf sicherlich etwas zu verbergen hatte, ermöglichte seine Beschwerde Martin Ziegler die zeitliche Eingrenzung der Handskizze auf die oben genannte Zeit. Doch auch diese älteste bekannte Karte erbrachte keine neuen Erkenntnisse zum Standort „A“ oder anderen Stellen. Stattdessen zeigte eine Prüfung durch einen Vermessungsingenieur die hohe Genauigkeit des Kartenwerks, und Irrtümer konnten ausgeschlossen werden.
Einen weiteren Ansatz verfolgte Martin Ziegler mit dem Vorwerk von Gröbitz. Dieses wurde innerhalb des damaligen Dorfes aus den 5 wüsten Bauernhöfen gebildet, brannte allerdings im Jahr 1678 ab. Die Einrichtung eines solchen Vorwerkes ist ein Beleg dafür, dass Gröbitz nicht langfristig unter dem Dreißigjährigen Krieg litt und sich historisch schon immer (bis 1854) in der Dorflage B befand. Doch wie sich herausstellte, auch dieser Ansatz führte zu keiner verwertbaren Spur.
Nach und nach zeichnete sich an diesem Abend folgendes Bild ab: Die Quellenlagen, die für einen zweiten, älteren historischen Standort von Gröbitz sprechen, sind sehr dünn. Archäologische Fundstücke aus dem fraglichen Bereich „A“ (siehe Foto 10) belegen nicht, dass sich dort längere Zeit Gebäude befanden. Selbst die im Staatsarchiv Dresden gefundene Originalhandskizze des Amtes Finsterwalde mit Gröbitz liefert keinerlei Hinweise. Auch alle weiteren behandelten Aspekte der fünfjährigen Forschungsarbeit führten zu keinem brauchbaren Befund für einen älteren Standort am Kirchhainer Weg oder anderswo.
Am Schluss seines Vortrags stellte Martin Ziegler eine tabellarische Gesamtbetrachtung vor. Diese lässt keinen plausiblen Schluss auf einen älteren, zweiten historischen Standort von Gröbitz plausibel erscheinen.
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| Foto 16: Tabellarische Übersicht mit der Gegenüberstellung der Forschungsergebnisse zur Lage des Ortes vor 1650. |
Auf Nachfrage aus dem Publikum stellte sich für diese Forschungsarbeit ein Zeitaufwand von etwa 700 bis 1.000 Stunden heraus. Das ist viel Zeit. Natürlich war es nicht möglich, sich die Vielzahl an historischen Fakten und Umständen zu merken. Folglich wird es weitere Publikationen dazu geben, beispielsweise im Finsterwalder Speicher und zu einzelnen Aspekten des Vortrags in den Sonnewalder Heimatblättern.
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| Foto 17: Fragen aus dem Publikum. |
Martin Ziegler stellte jedoch auch klar: Die Geschichte von Gröbitz ist noch lange nicht ausgeforscht. Es gibt immer etwas zu entdecken, und er beabsichtigt, dran zu bleiben. Folglich wird es auch Fortsetzungen des Vortrags geben.
Nach einem anhaltenden Beifall dankte Ortsvorsteher Eckhard Nadebohr Martin für den Vortrag.
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| Foto 18: Ortsvorsteher Eckhard Nadebohr bei seinem Dank an Martin Ziegler. |
Längst war es draußen dunkel geworden. Bei Bockwurst, Wiener Würstchen und Getränken entspann sich ein langer Abend mit zahlreichen interessanten Gesprächen.
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| Foto 19: Rege Gespräche nach dem Vortrag. |
Es gab auch weitere Literatur zu historischen Themen zu sehen. Auf einem Tisch hatte die Kunsthistorikerin Sybille Schulz aus Großbahren Bücher zur Einsicht bereitgelegt.
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| Foto 20: Literatur zu historischen Themen. |
Es wurde viel später als geplant, und die Bearbeitung der Fotos musste auf die kommenden Tage verschoben werden.
An dieser Stelle noch einmal Dank an den Ortsvorsteher Herrn Nadebohr, dass der Fotograf auch einen Sitzplatz bekam.
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Autor: Vel Thurvik
Fotos: Vel Thurvik
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