Mittwoch, 1. April 2026

Neuer Glockenschlag in Großbahren – Niederlausitzer Begegnungen -

Instandsetzung der Glockenaufhängung im historischen Glockenturm Großbahren


Ein Hinweis von Norbert Zach, Eigentümer des Dorfmuseums Kleinkrausnik, machte neugierig. Aus seiner Nachricht war zu entnehmen das nach 100 Jahren die Aufhängung der beiden Glocken im Glockenturm Großbahren instandgesetzt werden muss. Eine gute Gelegenheit für eher seltene fotografische Einblicke.

Nicht jeder Ort in der Niederlausitz hat seine eigene Kirche. Manchmal hat es sich so ergeben, dass Dörfer lediglich über einen freistehenden Glockenturm verfügen. Großbahren in der Nähe von Sonnewalde gehört dazu. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude ist nicht zu übersehen. Im Gegenteil: Es ist eines der markantesten Gebäude im Ort und befindet sich am Westende des Dorfes, neben der alten Schule.

Foto 1: Glockenturm in Großbahren. Daneben ein Festzelt für Besucher und die Mitarbeiter an den Glocken.
Der Empfang durch den Ortschronisten und Vorsitzenden des Ortsvereins „Grüne Eiche Großbahren e. V.“, Bernd Lehmann, war ausgesprochen freundlich und mündete unmittelbar in eine kleine Führung durch den Turm. Die Sanierung war zwingend nötig geworden, weil die Aufhängung und der Glockenstuhl aufgrund ihres Alters nicht mehr ausreichend tragfähig waren. Folglich drohten die Glocken zu verstummen. Im Ort war man sich sofort einig: Das durfte nicht so bleiben. In zwei Bauabschnitten sollte die Sanierung erfolgen. Im ersten Bauabschnitt wurden die Glockenjoche und Lager saniert werden. Dafür hatten die 45 Mitglieder des Ortsvereins 13.000 € an Spendenmitteln zusammengetragen. Enthalten ist auch eine kleinere Förderung der Denkmalschutzbehörde. Eine ordentliche Leistung. Mit dem zweiten Bauabschnitt ist die Installation eines elektrischen Läutewerkes geplant. Letzteres ist noch nicht vollständig finanziert. Deshalb wird die Spendenaktion fortgeführt.

Foto 2: Schild des Ortsvereines Grüne Eiche Großbahren e. V.
In der ersten Bauphase am Dienstag, den 24.03.2026, wurden die beiden Glocken herabgelassen und die eisernen Joche aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg durch neue, gekröpfte Eichenjoche ersetzt – solche Glockenjoche, wie sie ursprünglich einmal die beiden Glocken hielten. Eine Einführung zum Thema Glockenstuhl und dessen Montage finden Sie hier: Glockenstuhl Wikipedia.

Foto 3: Die beiden ausgebauten Glocken vor dem Glockenturm Großbahren. Foto von Norbert Zach aus Kleinkrausnik.
Mehr zum Thema Glocken und deren Herstellung finden Sie über einen Link am Ende.

Natürlich hatten die Mitglieder des Vereins für ein passendes Umfeld der Arbeiten an den Glocken gesorgt. Neben dem Turm stand ein größeres Festzelt. Besucher waren willkommen und die Versorgung war abgesichert. Gute Vereinsarbeit eben.

Der 1856 erbaute Glockenturm selbst wurde bereits 1966 und 2014 jeweils teilsaniert. Einzelheiten dazu sind in der Ortschronik Großbahren ab Seite 78 zu finden.

Foto 4: Erstausgabe Ortschronik Großbahren.
An der Wand neben dem Glockenturm lehnte eine große Tafel mit wichtigen Eckpunkten und Ereignissen zur Geschichte des Glockenturms. Zu sehen war auch eine Bauzeichnung aus dem Jahr 1966 und eine Zeichnung des ursprünglichen Aussehen um das Jahr 1900. Beide sind ebenfalls in der Ortschronik zu finden sind.

Foto 5: Tafel mit wichtigen Ereignissen rund um den
Großbahrener Glockenturm.
Wie Bernd Lehmann schilderte, ist der Glockenturm Großbahren auch einmal umgezogen. Wegen unsicherem Untergrund zwar nur wenige Meter, weg von der Straße Richtung Osten, aber immerhin. In diesem Zuge wurde der alte Feldsteinsockel durch einen höheren aus Klinkerrahmen und behauenen Feldsteinen ersetzt. Das haben das Dorf und der Verein gemeinsam bewerkstelligt, ebenso wie viele weitere Arbeiten am Turm selbst. Für die jetzige Instandsetzung der Glockenjoche wurde eine Fachfirma, die Walter Glockenläuteanlagen und Turmuhren KG, aus Luckau, hinzugezogen. Bei den Recherchen im Vorfeld stellte sich überraschendes heraus. Obwohl Großbahren zur Kirche im Nachbarort Gosmar eingepfarrt ist, der Glockenturm und das darunterliegende Grundstück gehören nicht zu einer Kirche, sondern zur Stadt Sonnewalde. Damit fiel die Unterstützung der Kirche weg.

Am Nachmittag hingen die beiden Bronzeglocken wieder im Turm. Nur die schmiedeeisernen Klöppel hatten sich verspätet. Bernd Lehmann hoffte das bis zur vorgesehenen Segnung am Samstag die fehlenden Teile eingetroffen sind.

Foto 6: Beide Glocken im Glockenturm Großbahren, aber noch ohne Klöppel.
Denn zu der geplanten Feier werden neben Pfarrer Hildebrand auch Vertreter der Stadt Sonnewalde, viele Gäste und natürlich die Sponsoren erwartet. Eine Glockenweihe und Anläuten mit unvollständigen Glocken wäre unmöglich.

Hilfsbereit stellte Bernd Lehmann eine Leiter bereit. Mit deren Hilfe war es möglich, einen tieferen fotografischen Blick in den Turm zu werfen. Der Rundblick im Turm brachte eine Reihe interessante Details ans Licht. Auf einem Brett oben rechts standen die ehemalige Turmspitze und die Wetterfahne aus dem Jahr 1966. Daneben lagen Reste des ehemaligen hölzernen Glockenjochs. Allen sah man zweifellos ihr Alter an – vor allem dem Holz.

Foto 7: Ehemalige Turmspitze und Wetterfahne.
Auf dem Brett darunter war eine Aufschrift zu lesen: Einweihung nach Restaurierung 10. Mai 1966.

Foto 8: Brett mit der Inschrift.
Unten im Turm lagen die alten eisernen gekröpften Glockenjoche sowie die ausgebauten Klöppel zur Besichtigung aus. Die eisernen  Glockenjoche verfügten noch über alte Gleitlager, die regelmäßig geölt werden mussten. Oben, hinter der ehemaligen Wetterfahne, war noch eine alte Ölflasche zu sehen.

Foto 9: Ausgebautes ausgebautes gekröpftes Eisenjoch der großen Glocke im Turm.
Im Glockenstuhl waren die neuen hölzernen Glockenjoche bereits eingebaut und an den Kronen der Glocken befestigt.

Foto 10: Neues gekröpftes Glockenjoch aus Eichenholz und massiver Aufhängung.
Sie lagern nun auf neuen und wesentlich solideren Halblagern.

Foto 11: Lager und Befestigung der kleineren Glocke.
Auf einem Querbalken lag der Klöppel der großen Glocke. Sein massives Lederband zum Aufhängen in der Glocke war abgeschnitten.

Foto 12: Eiserner Klöppel der großen Glocke mit abgeschnittenem Lederband.
Dazu schilderte Bernd Lehmann eine Anekdote, die zeigt, dass das Glockenläuten gefährlich sein kann. Das zeitgerechte Läuten war seit langer Zeit Aufgabe der Schüler aus der Dorfschule. Gab es Schulferien, übernahmen das die in der Schule wohnenden Lehrer. Als einmal eine Lehrerin morgens die beiden Glocken läutete, verstummte eine der beiden plötzlich. Auf der Suche nach dem Grund entdeckte die Lehrerin den auf dem Boden liegenden Klöppel. Sie war also nur knapp einem schweren Unfall entgangen. Das jetzt hier durchtrennte Lederband wurde allerdings im Rahmen der Arbeiten abgeschnitten und stammt nicht von dem Beinahe-Unfall.

Auf halber Höhe des Turmes fielen in den Facetten des Fachwerks leicht gebogene Querträger auf. Sie befanden sich an verschiedenen Stellen im Turm.

Foto 13: Gebogene Balken im Turm.
Erst nach einiger Recherche wurde der Zweck klar: Schwingungsdämpfung. Beide Glocken verursachen beim Läuten geringe Biegeschwingungen, die eine Resonanz im Gebäude auslösen. Gebogene Materialien wirken meist elastisch-dämpfend – so auch Holz. Mit den gebogenen Balken werden die Resonanzen auf das Gebälk gedämpft und damit langfristige Schäden am gesamten Gebäude verhindert. Clever.

Mittig im Glockenturm hing die Läuteordnung. Aus ihr sind die Zeiten und die Anzahl der Glockenschläge ersichtlich. Für die Glöckner ist Pünktlichkeit also keine Zier, sondern schlicht unumgänglich.

Foto 15: Läuteordnung Großbahren und darunter
eine Funkuhr.
Dabei ist zu erfahren, es gibt drei Glöckner.

1. Glöckner Bernd Lehmann seit 1980
2. Glöckner seit 2010 Andres Lehmann
3. Ersatzglöckner Andre Deißing

Auf dem Ziegelboden befand sich eine große Ofensau. Sie lag mit der Unterseite nach oben und war Zeugnis der Eisenverhüttung von Raseneisenerz im Rennofen-Verfahren aus einer fernen Vergangenheit. Wie Bernd Lehmann erläuterte, war das Fundstück bei den archäologischen Untersuchungen im Vorfeld der OPAL-Trassierung zutage getreten. Neben vielen anderen Funden wurde es der germanischen Besiedlung in der Gegend zugeordnet. Eine diesbezügliche Dokumentation liegt aber noch nicht vor.

Foto 16: Prähistorische Ofensau vermutlich aus germanischer Zeit.
Auf einem Querträger neben dem Eingang lag aufgerollt das neue Lederband für die  fehlenden Klöppel bereit. Mit einem gewissen Stirnrunzeln weist der Vereinsvorsitzende darauf hin: Klar, die wichtigste Veranstaltung am 28. März 2026, das Einläuten, hängt vom rechtzeitigen Liefern der schmiedeeisernen Klöppel ab.

Foto 17: Lederband für die noch fehlenden Klöppel.
Beim Blick auf den Ziegelboden fallen die handgeschmiedeten Flacheisen zur Befestigung des Turmes auf dem Unterbau ins Auge. Zweifellos eine solide Schmiedearbeit. Sie verhindern ein Verrutschen des Glockenturms auf dem Sockel.

Foto 18: Solide Schmiedearbeit hält dem Glockenturm zusammen und fest verankert.
Kurz vor dem Verlassen des Glockenturms fiel noch die Beurteilung des Denkmalamtes aus dem Jahr 2013 ins Auge. Daneben hing noch einmal die Bauzeichnung aus dem Jahr 1966.

Foto 19: Beurteilung des Glockenturms 2013 durch das Denkmalamt.
Mit dem letzten Bauabschnitt soll ein elektrisches Läutwerk mit digitaler Steuerung erfolgen. Das wird voraussichtlich im Oktober realisiert werden, so Bernd Lehmann.

Am Ende der kleinen Führung legte Bernd Lehmann noch eine Ortschronik vor. Darin ist ab Seite 75 die Geschichte des Glockenturms und der beiden bronzenen Glocken dargestellt. Diese wird nun fortgeschrieben werden.

Unmittelbar neben dem Turm befand sich eine grüne Tafel mit einer Zusammenfassung zum Glockenturm und der Geschichte der Glocken.

Im Festzelt nebenan waren inzwischen mehrere ältere Einwohner eingetroffen. In der Ecke standen Kaffee und Getränke bereit. Es wurde über allerlei Themen gesprochen, natürlich auch über die Glockensanierung. Hinten im Zelt saßen Bernd Lehmann mit Axel Sickert und seinem Bruder.

Foto 20: Bernd Lehmann und die Gebrüder Sickert im Fachgespräch.
Es ging um historische Themen, Einträge in alten Kirchenbüchern, Genealogie und verschiedene ältere Dokumente zur Geschichte und den Ereignissen Großbahrens. Im Gespräch zeichnet sich schnell ab, dass Großbahren und seine umliegenden Ortschaften eine deutlich umfangreichere und interessantere Geschichte haben, als es bisher scheint.

Zwei Tassen Kaffee später, mit einer Einladung zur Glockenweihe und einem Kopf voller interessanter Informationen, geht es zurück an den heimischen Computer.

Weiterführende Links:

Ort Großbahren bei Wikipedia.

Glockenturm Wikipedia

Entstehung und Herstellung von Kirchenglocken Wikipedia

Der Glockenstuhl

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Blog: Mit 8 Megapixeln durch die Niederlausitz.

Autor: Vel Thurvik
Fotos: Vel Thurvik

Link: Mit 8 Megapixeln durch die Niederlausitz

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