Freitag, 21. August 2026

Morgenstreifzug rechts des Bahnhofs – Niederlausitzer Beobachtungen -

Foto-Streifzug entlang des Bahndamms und durch die Straße „Am Güterbahnhof“


Ein Motorschaden im Auto ist ärgerlich und meist auch teuer. Zweitens kommt man ums Laufen erst mal nicht herum, zumindest von der Werkstatt bis nach Hause. Doch warum nicht aus dem Problem mal einen fotografischen Nutzen ziehen? Wenn die frühmorgendliche Sonne sich gerade durch die abziehende Wolkenwand des morgendlichen Gewitters arbeitet, bietet der Weg entlang des Bahnhofs Finsterwalde einige interessante Motive. Hier ein paar fotografische Ergebnisse – dazu einige Betrachtungen.

Gleich hinter dem ehemaligen Schrankenposten 134 in Massen hatte sich ein Haus zur grünen Vermummung entschlossen. Mit Hilfe von wildem Wein und etwas Efeu schien das Projekt ganz gut zu gelingen. Zumindest war es in der leichten Morgensonne ein grüner Hingucker.

Foto 1: Botanische Eroberung.
Noch nass vom nächtlichen Regen, fiel etwas weiter die mutige Farbkombination an einem Güterwagen ins Auge.

Foto 2: Die Handbremse war unübersehbar bei Violett und Signalgelb.
Als nächstes Motiv fiel eine nasse Rispe des Schilfrohrs Phragmites australis der Kamera ins Objektiv. Diese scheinbar so gewöhnliche Pflanze fühlte sich in nassem und sumpfigem Gelände wohl. Hier in der trocken-sandigen Aufschüttung am Bahndamm war sie eher ungewöhnlich. Doch dieses Süßgras hatte es in sich. Sein starkes unterirdisches Wachstum, Rhizomwachstum genannt, macht fragile Böden sicherer. Folglich ist es nicht ungewöhnlich, dass ein ganzer Schilfbestand nur aus einer einzigen Pflanze besteht. In historischen Zeiten diente das Schilf sogar als Nahrungsmittel, denn aus den Wurzeln konnte in Mangelzeiten Brot gebacken werden. Wer mehr über diese sehr interessante heimische Pflanze wissen will, findet auf "Wikipedia Schilfrohr“ weiterführende Informationen.

Foto 3: Nasse Schilfrispe am Bahndamm. (7)
Weshalb das Schilf am Bahndamm nicht seine volle Größe von etwa vier Metern erreicht, ist wohl mehr den Pflegearbeiten der DB InfraGO zu verdanken. Arbeiten an den Gleisanlagen wären sonst für die Mitarbeiter zu einer Dschungelexpedition geworden. Möglicherweise liegt das aber auch an den mageren sandig-kiesigen Bodenverhältnissen.

Gleich daneben hatten es sich ein Schachbrettfalter (Melanargia galathea) in den Blüten gemütlich gemacht.

Foto 4: Schachbrettfalter (Melanargia galathea) weiblich. Erkennbar an den eher braun-gelblichen Flügelrand.
Am Bahnübergang Fn am Ende der Glasmacherstraße bot der Morgenhimmel kurzzeitig ein goldig-farbiges Schauspiel. Die Helligkeitsunterschiede bereiteten der Kamera so einige Sorgen. Doch letztlich fand sie passende Messpunkte. Mit dem Ergebnis konnte sie sich sehen lassen.

Foto 5: Kontrastreicher Himmel über der Ausfahrt zur ehemaligen Zschipkauer Eisenbahn.
Zu sehen war übrigens die Ausfahrt der ehemaligen Zschipkauer Eisenbahn. An der Strecke befanden sich zahlreiche Gleisanschlüsse. Sie führten zum Tagebau Lichterfeld, zu Ton-, Kies- und Kohlegruben, bis zum Glaswerk Annahütte, dem Finsterwalder Militärflugplatz und vielem mehr. Später wurde daraus das Streckenrangiergleis mit Anschluss zur Industriebahn durch die Stadt Finsterwalde. Wer mehr darüber wissen möchte findet bei Wikipedia / Zschipkauer Eisenbahn mehr Informationen.

Beim Rückblick entlang der Ladestraße fiel das ehemalige mechanische Stellwerk W 3 ins Auge. Seine dunkle Ruine verlieh dem Motiv etwas historischen Charme. Als Arbeitspferd des Bahnhofs Finsterwalde diente es nicht nur als Weichenwärterstellwerk für den ehemaligen Fahrdienstleiter vom Befehlsstellwerk B 1, vorne am Bahnsteig 1.

Foto 6: Ehemaliges Stellwerk W 3 Finsterwalde.
Hier wurde in gut 140 Jahren der überwiegende Teil des Güterverkehrs ausrangiert und Züge gebildet. Von hier aus erfolgte die Bedienung und Koordinierung der insgesamt 25 Gleisanschlüsse, auch in den Streckenrangiergleisen nach Annahütte, zur Industriebahn und bis Crinitz. In der Regel bewältigten drei Rangierloks Kohle, Kies, Sand, Ton, zehntausende Klinkerziegel, Wasserglas, Generatoren, unzählige Tische, tausende Kilometer Stahldraht, Schrauben oder Schwertransporte mit Teilen der Tagesbaugroßgeräte. Auch Elefanten des gastierenden Zirkus und abenteuerlich verpackte Jagdflugzeuge hatte das Stellwerk gesehen. Dazu kam die Abwicklung des Militärverkehrs mehrerer großer Standorte in der Umgebung. Im Tagesgeschäft ging es um Panzer, Raketen, Kanonen sowie zahllose andere Waffen, Munition und viel militärisches Gerät. Ab und zu gastierte hier der Zug mit Uran, dem Stoff, aus dem die Bombe ist, und in den 90er Jahren auch schon mal Züge mit Stoffen, die ausgereicht hätten, ganze Regionen zu vergiften. Am unscheinbaren Stellwerk am Ostende der Stadt musste letztlich alles vorbei. Wer hier arbeitete, war bis Anfang der 90er Jahre kein Weichenwärter, sondern Stellwerksmeister. Und nach der Schicht wusste er, was er gemacht hatte. Mit dem Rückgang des Güter- und Militärverkehrs in der Region verlor das Stellwerk seine Bedeutung. Im Oktober 2014 wurde das Stellwerk geschlossen, und der Klinkerbau verfiel zusehends.

In der Ladestraße hatte die Natur übernommen. Zumindest in der Mitte. Seit Jahren standen hier zwei vergessene Kesselwagen. Für die Natur der Stadt Finsterwalde war das eine willkommene Gelegenheit zu einer grünen Umarmung.

Foto 7: Eingegrünt, zwei vergessene Kesselwagen in der Ladestraße des Bahnhofes.
Als Zivilisationsfolger des Bahnhofs fühlten sich zwei Kohlweißlinge in den blauen Blumen recht wohl.

Foto 8: Zwei Kohlweißlinge fühlen sich im Blauer Natternkopf (Echium vulgare) sehr wohl.
Auf der Güterzufuhrstraße, die heute „Am Güterbahnhof“ genannt wurde, lag reichlich Rindenmulch – Zeugnis der Holzverladung auf dem langen Gleis der Südseite. Diese Gleisgruppe wurde in der Vergangenheit „Südseite“ genannt und enthielt eine Drehscheibe sowie die Werkstatt für die kleine Güterwageninstandhaltung. Schon Anfang der 90er Jahre fiel die Werkstatt der Schließungswelle zum Opfer. Heute hatte die Natur in jeder Beziehung übernommen. Hinter dem verwachsenen Gelände ragten die runden Hallenbögen eines Gebrauchtwagenhandels hervor.

Foto 9: Rund-Hallendächer des Autohandels. Davor schöner farblicher Kontrast,
grüngelbe Flachwagen.
Fünfzig Meter weiter bot die Ruine des ehemaligen Güterbodens die morbiden Motive einer verlassenen Gegend. Was jedoch täuschte. Um den Bahnhof herrscht nach wie vor wirtschaftliche Bewegung. Doch es hat sich mittlerweile vieles verändert.

Foto 10: Ruine des abgebrannten Güterbodens
im morgendlichen Sonnenlicht.
Das schräg einfallende Sonnenlicht lies das zerstörte Innenleben der Güterhalle fast romantisch erscheinen.

Foto 12: Blick ins ehemalige Innenleben der Güterbodenhalle.
Foto 13: Blick durchs Fenster in den zerstörten Büroraum des
ehemaligen Binnenzollamtes.
Unter der Kastanie neben dem Güterboden ging es zur Sache. Sex am Bahnhof. Nein, hier war nicht das Rotlichtviertel der Stadt. Doch das störte die Trauer-Rosenkäfer nicht im Mindesten. Für ihre Romanze genügte ein Blütenstand.

Foto 14: Wo es Trauer-Rosenkäfer treiben, natürlich auf Blüten.
Auf einer Betonfläche der ehemaligen Laderampe zur Straßenseite hatte es sich eine Flechtengesellschaft gemütlich gemacht und glänzte nass in der Morgensonne. Es schien sich hauptsächlich um die Gewöhnliche Mauerflechte (Lecanora muralis) zu handeln. Sie hatte sich zur Expansion entschlossen, wie unschwer zu erkennen war. Nach den Farbunterschieden am Rand zu urteilen, teilte sie sich die Betonplatte mit der Graublauen Schwielenflechte (Physcia caesia). Doch ohne Lupe war eine Bestimmung schwierig. Beide waren sehr häufig anzutreffen.

Foto 15: Flechtengemeinschaft auf der Laderampe.
Es musste wohl ansteckend sein. Oder doch städtisches Rotlichtmilieu, nur eben für Insekten? Auf der anderen Seite im Brombeerstrauch hatten sich zwei Schachbretter (Melanargia galathea) gefunden. Offenbar war die Ablenkung groß genug, sodass auch der Fotograf nicht störte. Bei ihrer unterschiedlichen Färbung handelt es sich um die normale Variationsbreite der Falter, wie Lutz Krause, Insektenexperte des Finsterwalder Heimatkalenders, bei der Bestimmung feststellte. Sie hat mit den verschiedenen Geschlechtern nichts zu tun.

Foto 16: Faltersex im Brombeerstrauch. Auch bei den beiden Schachbrettern geht es innig zu.
Vorbei an den Ruinen der Güterabfertigung und des ehemaligen Zollamtes öffnete sich der Blick zum ehemaligen Stellwerk W 2 auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs. Es war auch ein Weichenwärterstellwerk.

Foto 17: Weichenwärterstellwerk W 2 auf der Nordseite des Bahnhofes Finsterwalde.
Seine Aufgabe bestand darin, auf der Nordseite des Bahnhofs Finsterwalde die Rangiertätigkeit zu den Abstellgleisen und zum Handweichenbereich zu regeln sowie Freimeldungen für die vom Fahrdienstleiter und Stellwerksmeister nicht einsehbaren Gleisbereiche zu geben.

Foto 18: Blick zum sanierten Bahnhofsgebäude der Firma 
Finsterwalder Eisenbahngesellschaft UG.
Ein paar Meter weiter öffnete sich der Blick auf das aktuelle Ensemble im Vorfeld des Bahnhofs. Ein bemerkenswert flockiger Morgenhimmel schmückte die Ansicht.

Foto 19: Bahnhofsvorplatz mit altem Fahrdienstleiterstellwerk B 1, Bahnhofsgebäude, Busbahnhof, markanter Fußgängerbrücke und Zufuhrstraße.
Das ehemalige Homag-Gebäude, das sich hier einmal befand, war längst abgerissen. Dafür hatte sich die graue Fußgängerbrücke zum Blickfang entwickelt. Neben dem alten Stellwerk lugte der blaue Siemens-Messzug um die Ecke.

Mitten unter das Straßenpflaster aus Lausitzer Granodiorit hatte sich ein dunkler Amphibolith geschmuggelt. Seine weißen Gefügebrüche fielen im Sonnenlicht regelrecht ins Auge und damit natürlich ins Objektiv. Dieses Gestein war einst ein Basalt und wurde durch hohe Temperaturen und Drücke metamorph überprägt.

Foto 20: Augenfälliger dunkler Pflasterstein im hellgrauen Umfeld aus Granodiorit.
Überhaupt war das Straßenpflaster im vorderen Teil der Straße „Am Güterbahnhof“ recht bunt zusammengesetzt. Auch eiszeitliche kristalline Geschiebe aus Skandinavien sind darunter. Bei nassem Wetter sind die verschiedenen farbigen Muster im Gestein einen Blick wert.

Vor dem Park&Ride-Parkplatz bot sich am Boden ein anderes kurioses Motiv. Hatte hier der Ahorn Anschluss an die Straßenbeleuchtung gesucht? Zumindest entstand dieser Eindruck.

Foto 21: Anschluss gesucht. Ahornbaum mit Stromanschluss.
Gegenüber, in der Straße „An der Schraube“, befand sich ein merkwürdiges Hinweisschild. Erst auf den zweiten Blick erschloss sich der Sinn. Die Einfahrt sollte von der Straße „Am Güterbahnhof“ erfolgen.

Foto 22: Kreisverkehr? Nein Hofeinfahrt um die Ecken.
Am Klinkerbau des Oberstufenzentrums fand sich das vorletzte Motiv. Das sanierte Bauwerk wirkte merkwürdig ruhig. Doch das mag der frühen Stunde und den Ferien geschuldet sein. Seine aufwändige Ziegelbauweise passte in das Ensemble der Ziegelbauten in der Umgebung.

Foto 23: Oberstufenzentrum Finsterwalde und Wasserturm im Morgenlicht.
Ein letzter fotografischer Blick in Richtung Bahnhofsgebäude. Markant das östliche Treppenhaus mit seinem Turmaufsatz. Seine hübsch sanierte Ziegelfassade ist ein schöner Blickfang

Foto 24: Treppenhaus des Bahnhofsgebäudes Finsterwalde und das Gebäude
der Finsterwalder Eisenbahngesellschaft UG.
Davor zu sehen die ehemalige Reichsbahnschule Finsterwalde, heute Sitz der Finsterwalder Eisenbahngesellschaft UG mit ihrem Bildungszentrum für Eisenbahnsicherungstechnik.

Langsam war es Zeit für den Frühstückskaffee.
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Blog: Mit 8 Megapixeln durch die Niederlausitz.
Autor: Vel Thurvik
Fotos: Vel Thurvik

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