Freitag, 2. Januar 2026

Vom Winterzauber und Eiszeiten bei Bronkow – Niederlausitzer Erkundungen -

Ein Verkehrsunfall zwischen zwei Eiszeiten


Die untergehende Sonne beendete den Streifzug über die Glaziale Hochfläche nördlich von Bronkow. Ziel waren einige Findlinge die bei den Bauarbeiten zum Windpark auf den Feldern zum Vorschein kamen. Als fotografisches Abprodukt fielen einige schöne Landschaftsfotos vom Sonnenuntergang über Bronkow an. In Anbetracht der schönen Landschaft, trat der erdgeschichtliche Verkehrsunfall fast in den Hintergrund. Doch dazu weiter unten mehr. Jetzt erst mal einige schöne Fotos.

Glaziale Hochebene westlich von Bronkow.
Schwer Vorstellbar aber diese flache Gegend um Bronkow war einst Spielball gewaltiger Gletscher.

Feld mit Wintergetreide, im Hintergrund Bronkow.
Unter einer etwa 30 – 50 cm Kulturschicht dieses Feldes, versteckt sich ein dicker Teppich  Grundmoräne der Saale 2-Eiszeit.

LKW im Abendlicht auf der L 55 Richtung Settinchen-Calau.
Wo heute der Autoverkehr rollt, tauten vor 160 000 Jahren mehrere hundert Meter hohe Gletscher einer Eiszeit gerade ab. Gewaltige Mengen an Schmelzwasser ergossen sich von hier Richtung Bronkow-Saadow-Lipten in den riesigen Gletschersee des Finsterwalder Beckens.

Die dunklen Wälder am Horizont lassen nichts davon ahnen, dass sich in ihnen langgestreckte Hügelketten der Endmoränen aus der jüngeren Saale-3-Eiszeit verstecken.

Unter dem Wald zwischen Settinchen, in Bronkow und einem Teil der Felder davor erstreckt sich eine kleine geologische Besonderheit: eine alte Grundmoräne aus der Saale-2-Eiszeit. Eine Vereisung, die vor 180.000 Jahren begann und vor ca. 160.000 Jahren endete. Interessant dabei: Südlich und südwestlich von Bronkow finden sich mehrere deutlich jüngere Endmoränen aus der jüngsten Saale-Vereisung, dem Warthe-Stadial. Beginn vor ca. 150.000 Jahren und Ende vor 130.000 Jahren. Mehr zu den Begriffen Grund- und Endmoräne siehe hier: Wikipedia, Glaziale Serie


Skizze: Geologische Oberflächenkarte der Umgebung Bronkow.
Quellen: Grundkarte OpenStreetMap mit Daten aus der geologischen Karte des LGBR 2025.
(https://lbgr.brandenburg.de).

Folglich ist die Gegend um Bronkow ein erdgeschichtlicher „Verkehrsunfall“, genauer gesagt der beiden letzten Saale-Vereisungen. Denn die alte Grundmoräne, auf der sich Teile von Bronkow und der L 55 befinden, wurde später von der Warthe-Vereisung schlicht überfahren (siehe Karte). Dieser „Crash“ endete in den hinterlassenen Endmoränen an der Autobahn und westlich von Amandusdorf. Wie die meisten Unfälle ist auch dieser nicht ungewöhnlich – im Gegenteil.

Blick von der Endmoräne auf Amandusdorf im Winter 2014.
Die Erklärung: Als die älteren Saale-2-Gletscher abtauten, hinterließen sie vom Ostseeraum bis an den Südrand der Niederlausitz einen dicken Teppich Grundmoränen. Etwa an der Linie Hohenleipisch–Lauchhammer–Brieske–Senftenberg endete dieser gewaltige Teppich. Gut 10.000 Jahre später folgten Gletscher des Warthe-Stadials. Auf dem immer noch bestehenden Dauerfrostboden dürfte das Vorrücken nicht schwer gefallen sein. An den Endmoränen des Niederlausitzer Grenzwalls ging der Warthe-Vereisung dann schlicht das Eis aus.

Beide Eiszeiten bezogen ihre Eisvorräte aus unterschiedlichen Herkunftsgebieten. Während die ältere Saale-2-Vereisung (Drenthe-Phase) ihr Quellgebiet hauptsächlich in Südskandinavien (Südnorwegen, Schweden und südliche Ostsee) hatte, bezog das Gletschereis des jüngeren Warthe-Stadials seine Vorräte vorwiegend aus Mittelschweden, der zentralen Ostsee (Gotland–Bornholm–Danziger Becken) und dem Baltikum (Lettland, Litauen, Estland). Folglich findet man heute Gerölle aus unterschiedlichen Regionen Nord- und Osteuropas, auf kleinem Raum verteilt um Bronkow vor. Wobei die Saale-Vereisung wesentlich mehr große Gerölle transportiert hat. Die Ursache liegt möglicherweise auch im größeren Gletschervolumen dieser Vereisung.

Am Waldrand befindet sich ein bemerkenswerter Findling aus Granit mit ungewöhnlicher Form. Seine jetzige Oberseite war in der ausgehenden Eiszeit seine ursprüngliche Standfläche.

Saalezeitlicher Findling am Waldrand nördlich von Bronkow. Er kam bei den Grabungsarbeiten auf dem Feld vor Bronkow zum Vorschein.
Der Granitfindling weist an der Unterseite und den Seiten massive Auswaschungen auf. Selbst ehemalige Strömungsspuren seitlich vorbeifließenden Wassers sind heute noch gut zu erkennen.

Detailaufnahme des Findlings bei Bronkow mit massiven seitlichen Auswaschungen und Strömungsspuren.
Er war also über längere Zeit den abfließenden Schmelzwassern des Saale-2-Gletschers ausgesetzt. Nach dem Abtauen des Gletschers muss der Findling recht zügig von verbliebenem Grundmoränenmaterial bedeckt worden sein, denn weitere sekundäre Verwitterungsspuren sind in seiner jetzigen Lage nicht erkennbar.

Was bleibt?


Auch wenn ihre geologischen Geheimnisse erst auf den zweiten Blick sichtbar werden, ist Bronkow eine geologisch durchaus interessante Gegend. Mit dem Findling verfügt der Ort auch über ein kleines geologisches Denkmal einer sehr langen, kalten, nassen Zeit. Grund genug für weitere geologische Neugier am Wegesrand.

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Hinweis zur zeitlichen Zuordnung der Vereisungen:

Die Jüngere Phase der Drenthe-Vereisung endete nach heutigem Verständnis im Mittelabschnitt der Saale-Kaltzeit, vor dem erneuten Eisvorstoß des Warthe-Stadials; absolutchronologisch wird grob ein Ende um etwa 180.000–160.000 Jahre vor heute diskutiert, während der Beginn des Warthe-Stadials meist in den Bereich um etwa 160.000–150000 Jahre vor heute gestellt wird. Die Datierungen sind unsicher und unterscheiden sich je nach Autor und verwendeter Korrelation zu marinen Isotopenstufen, werden aber in etwa in diesen Bereich der jüngeren Saale (MIS 6) eingeordnet. (Quelle: Wikipedia)

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Quellen:

Saale-Komplex, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Saale-Komplex

Glaziale Serie, Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Glaziale_Serie

Mehr als nur „die Streusandbüchse“
Zur Erdgeschichte von Brandenburg
3. erweiterte Auflage 2023
von Werner Stackebrandt
ISBN 978-3-00-074247-7

Woldstedt, Paul, 1954: Saaleeiszeit, Warthestadium und Weichseleiszeit in Norddeutschland. In: E&G – Quaternary Science Journal, 04-05, 1, 
DOI: https://doi.org/10.23689/fidgeo-1707.

Lauer, T., Weiss, M. Timing of the Saalian- and Elsterian glacial cycles and the implications for Middle – Pleistocene hominin presence in central Europe. Sci Rep 8, 5111 (2018). https://doi.org/10.1038/s41598-018-23541-w
https://www.nature.com/articles/s41598-018-23541-w

Dokumentation der pollenstratigraphischen Untersuchungen zur Verbreitung der Holstein- bis Unter Saale-zeitlichen Ablagerungen im Gebiet zwischen Calau und Lauchhammer (Brandenburg) sowie Großenhain (Sachsen)
Strahl, Jaqueline
LBGR Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe Brandenburg
DOI: https://doi.org/10.23689/fidgeo-10831

Auszug aus der Karte Open Streetmap.
https://openstreetmap.de/karte/

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Blog: Mit 8 Megapixeln durch die Niederlausitz.

Autor: Vel Thurvik
Fotos: Vel Thurvik