Ein sonntäglicher Blick in alte Zeitungen und in schwierige Zeiten unserer Region.
Was haben vier ehrenamtlich Engagierte, eine Baustelle in Finsterwalde, eine Gartenlaube und der Museumskeller in Kleinkrausnik gemeinsam? Aus alten, fast entsorgten Zeitungsbündeln entsteht hier ein lebendiges Bild vom Leben zwischen Kriegsnot, Preiserhöhungen und Tanzvergnügen in der Niederlausitz.
Wer erinnert sich noch an die Tradition der Zeitungsschau – meist an freien Tagen und im Kreis der Familie? Inzwischen ist diese Gewohnheit weitgehend den modernen Medien zum Opfer gefallen. Doch manchmal, versteckt in den Kellern unter Museen, erwacht diese alte Art der Informationsgewinnung kurzzeitig zu neuem Leben. So geschehen am 11. Januar 2026 in Kleinkrausnik. An diesem Sonntagvormittag trafen sich ein Historiker, zwei Bodendenkmalpfleger und ein Fotograf – alles ehrenamtlich Engagierte –, um einen Blick mehr als 100 Jahre zurück in die Geschichte der Region um Sonnewalde, Finsterwalde, Doberlug und die umliegenden Dörfer zu werfen.
Der Anlass? Eine große Kiste mit historischen Originalzeitungen, Zeitschriften, Werbeanzeigen, Postkarten und anderen Fundstücken aus der Zeit zwischen März 1918 und etwa 1948.
Ziel der vier war es, Veröffentlichungen historischer Gesetze, Verordnungen, Bestimmungen und Bekanntmachungen zu finden, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Leben der Menschen in unserer Region standen. So begann ein kurzweiliger Vormittag mit zahlreichen interessanten Einblicken in das Leben jener Zeit – insbesondere in die letzten Monate des Ersten Weltkriegs.
| Foto 2: Zeitungsfragmente in Seidenpapier sorgsam aufbewahrt. |
Da die Zeitungen teils stark fragmentiert und beschädigt sind, lassen sich ihre ursprünglichen Titel und Verlage oft nicht mehr eindeutig bestimmen – geschweige denn zuordnen. Der Aufwand für eine genaue Rekonstruktion wäre unvertretbar hoch (siehe Foto 2 oben).
Beginnend mit Ausgaben aus dem März 1918, arbeiteten sich die Beteiligten durch Zeitschriften, Werbeblätter, Anzeigen und Kataloge. Dabei wurde ein sehr differenziertes Bild des damaligen Lebens sichtbar. Das Kriegsgeschehen und die politischen Verwerfungen jener Zeit bildeten den Hintergrund des Geschehens. Deutlich wurden sie in zahlreichen Todesanzeigen Gefallener – darunter auch manche bekannten Familiennamen.
| Foto 3: Zeitungsfragment einer Lokalzeitung mit Gefallenen-Anzeigen. |
Mangelwirtschaft und Alltagsleben
Viele Veröffentlichungen befassten sich mit den schwierigen Lebensverhältnissen jener Zeit. Preislisten und Ausgabetage bestimmter Lebensmittel bestimmten häufig die Lokalseiten und beeinflussten die täglichen Abläufe der Familien teils drastisch. Frühzeitiges Zeitungsstudium erhielt dadurch eine beinahe existentielle Bedeutung – wer zu spät kam ging leer aus.
| Foto 4: Verkaufstage von Lebensmitteln auf Karten. |
| Foto 5: Anweisungen des königlichen Landrats zur Abgabe von Kohlenbezugsscheinen. |
| Foto 6: Fahrpreiserhöhungen der Eisenbahn in Finsterwalde im April 1918. |
| Foto 7: Anzeige eines Maskenballs in Ossak bei Sonnewalde. |
| Foto 8: Bernd Jühnichen, Manuel Franke und Norbert Zach bei der Sichtung von örtlichen Anzeigen für Veranstaltungen rund um Sonnewalde. |
| Foto 9: Anzeige der Theatervorstellungen im Gesellschaftshaus mit Programm. |
| Foto 10: Anzeigen zur Mitarbeitersuche und Grundstück in der Sonnewalder Straße, vermutlich in Finsterwalde. |
Fund auf der Baustelle
Aber woher stammen die Zeitungen und Zeitschriften? Ihre Geschichte begann im Februar 2020 auf einer Baustelle in Finsterwalde – mit einem aufmerksamen Bauarbeiter. Beim Abriss alter Ruinen entdeckte Bauarbeiter Manuel Neudeck in mehreren Türrahmen Bündel alter Zeitungen, teils stark beschädigt und verschimmelt, aber noch lesbar. Geistesgegenwärtig rettete er sie vor dem Container und übergab sie dem Hobbyfotografen Volker Kock. Wenig später kam ein weiterer Fund bei einer Haushaltsauflösung in Rückersdorf hinzu – auch hier war Neudeck der Retter der Stunde.
Einige Wochen später, Ende März 2020, kurz nach Beginn der Corona-Zeit, lagen die Zeitungsfragmente ausgebreitet auf Tischen in einer Finsterwalder Gartenlaube. Mit Pinsel, Pinzette, Skalpell und Bügeleisen begann die behutsame Reinigung.
| Foto 11: Tisch in der Gartenlaube mit Zeitungsfragmenten. |
Von der Gartenlaube ins Museum
Nach der Trocknung, Reinigung und fotografischen Erfassung fand im Juni 2022 beim Heimatabend der Heimatfreunde des Finsterwalder Heimatkalenders eine erste provisorische Sichtung statt. Sorgfältig in Schichten von Seidenpapier eingelegt, gelangten die Zeitungen im Herbst 2024 schließlich ins Dorfmuseum nach Kleinkrausnik, wo sie nun einer gründlicheren Auswertung harren.
Zweieinhalb Stunden sind zu schnell um. Zeit genug im diese Sammlung durchzusehen aber nicht gründlich zu sichten. Trotzdem, so die Einschätzung aller Beteiligten, ein Gewinn.
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Blog: Mit 8 Megapixeln durch die Niederlausitz.
Autor: Vel Thurvik
Fotos: Vel Thurvik